Am Set - Batman Begins

By Philipp Schulze, Cinema, May 2005

BATMAN BEGINS - Acht Jahre nach Joel Schumahcers grellem Flattermann-Spektakel "Batman & Robin" ergründet "Memento"-Regisseur Christopher Nolan nun die düstere Seite des wortkargen Superhelden

Mit seinem dunkelblauen Jogginganzug, die Beine lässig übereinander geschlagen, erinnert Christian Bale eigentlich nicht gerade an eine von manischen Rachegedanken getriebene Superfledermaus - wären da nicht die aufgemalten schwarzen Augenränder. „Oh Scheiße, die habe ich schon wieder ganz vergessen", sagt der 31-Jährige. „Die sorgen dafür, dass unter der Maske keine weißen Hautstellen zu sehen sind. Mann, ich wollte das niemals öffentlich zeigen. Ich finde, das nimmt dem Ganzen irgendwie die Illusion." Entgegen seinen Befürchtungen ist diese jedoch perfekt, wenn er das martialische Kostüm seiner neuesten Rolle anlegt: des spitzohrigen Mitternachtsdetektivs Batman.
Mysteriös und bedrohlich bewegt sich Bale über den Set in der Nähe von London. Selbst gestandene Journalisten treten angesichts seiner Erscheinung ehrfürchtig zur Seite. Und mit seinem finsteren Auftreten gibt der einstige Junge aus Steven Spielbergs Kriegsdrama „Das Reich der Sonne" bereits einen Vorgeschmack auf die Neuorientierung der Comic-Franchise.

Während Hollywood-Surrealist Tim Burton in „Batman" und „Batmans Rückkehr" noch auf eine adäquate Comicverfilmung setzte, zog Regisseur Joel Schumacher mit „Batman Forever" und „Batman & Robin" den dunklen Ritter mit Bat-Nippeln und Bat-Kreditkarte ins Lächerliche. Dagegen wirkte die trashige 60er-Jahre-Fernsehserie mit Strumpfhosengott Adam West wie geistreiche Abendunterhaltung.

Um den kränkelnden Helden neu zu positionieren, beauftragten die Verantwortlichen diverse Drehbuchautoren und Regisseure. Und sogar über ein Zusammentreffen der beiden Comicikonen Batman und Superman wurde nachgedacht: Unter dem Kommando von „Troja"-Regisseur Wolfgang Petersen sollten sich in „Batman vs. Superman" Colin Farrell als Flattermann und Jude Law als Held aus Stahl die Köpfe einschlagen.

Inmitten dieses für Hollywood-Kreise üblichen Produktionswirrwarrs erhielt schließlich der blockbusterunerfahrene Christopher Nolan („In-somnia - Schlaflos") den Zuschlag. Und der wollte sich in seiner Version auf das Wesentliche konzentrieren: die Hauptfigur. „Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt: Woher hat dieser Typ, der keine Superkräfte besitzt, seine Fähigkeiten?", erklärt der 34-jährige Brite seinen Ansatz. Basierend auf Frank Millers („Sin City") vielschichtigem Comicroman „Batman: Year One" geht Christopher Nolan nun gemeinsam mit Drehbuchautor David S. Goyer („Blade") den tragischen An¬fängen des maskierten Rächers auf den Grund.

Der Millionärssohn Bruce Wayne muss mitansehen, wie seine Eltern auf offener Straße erschossen werden. Trau-matisiert von diesem Erlebnis zieht er durch die Welt und trifft in Asien auf den undurchsichtigen Ninja-Meister Ra's AI Ghul (Ken Watanabe) und dessen Waffenmeister Henri Ducard (Liam Neeson), die ihn zum unerbittlichen Krieger ausbilden. Als er schließlich nach Gotham City zurückkehrt, findet er einen von Mord und Korruption verseuchten Moloch vor.

Durch Zufall entdeckt Wayne unter seinem Anwesen eine Höhle - und den Protoyp eines gepanzerten Anzugs. Mit Hilfe seines Butlers Alfred (Michael Caine), der Staatsanwältin Rachel Dodson (Katie Holmes), des Tüftlers Lucius Fox (Morgan Freeman) und des integren Polizisten James Gordon (Gary Oldman) sagt Bruce Wayne alias Batman fortan allen Gangstern den Kampf an. Und der irre Dr. Jonathan „The Scarecrow" Crane (Cillian Murphy) ist erst der Anfang. „Die früheren Verfilmungen richteten ihr Augenmerk alle auf die schillernden Schurken", erinnert sich Nolan. Und in der Tat: Sowohl Michael Keaton als auch Val Kilmer und George Clooney hielten sich angesichts von Schauspielgrößen wie Jack Nicholson (Joker) oder Danny DeVito (Pinguin) auffällig zurück - was wohl auch an ihren zum Teil eher mäßigen schauspielerischen Fähigkeiten gelegen haben mag. Das allerdings wird Nolan mit seinem Titelhelden Christan Bale mit Sicherheit nicht passieren.

Denn ob als gelackter Serienkiller in der Bret-Easton-Ellis-Verfilmung „American Psycho" oder als paranoider Hungerhaken in dem albtraumhaften Psychothriller „The Machinist" - der 31-Jährige stellte sein Talent für ambivalente Charaktere bereits mehrfach unter Beweis. Für die Darstellung der psychopathischen Seite Batmans, die den Schlüssel zu dessen Gerechtigkeitswahn birgt, scheint er prädestiniert.

Bereits seit ihrem ersten Auftritt 1939 gilt die von Bill Finger und Zeichner Bob Kane erfundene DC-Comicfigur als Inbegriff des gebrochenen Helden: Durch den gewaltsamen Tod seiner Eltern mutiert Batman über die Jahre zu einem fanatischen Kämpfer gegen das Verbrechen, dessen einzige Befriedigung die Ausrottung von Gangstern ist. Oder, wie Christian Bale es formuliert: „Er mag das, was er tut - und das macht ihm Angst."

Um den Kreuzzug Batmans angemessen in Szene zu setzen, ließ Nolan in England einen imposanten Set errichten Ein ausrangierter Zeppelin-Hangar dien te dabei als gigantisches Dach für die gefährlichste aller Comicstädte - Gothar City. Mit meterhohen Gebäudefassaden, zwischen denen spackige Wäscheleinen gespannt wurden, und dreckigen Häuserschluchten, deren Böden vergammelte Zeitungen bedecken, erzeugten 200 Setdesigner einen slumartigen Realismus. Inspirieren ließen sie sich dabei unter anderem durc das 1997 abgerissene Elendsviertel Kowloons in der Nähe von Hongkong. „Mein Gotham City soll ein Metropolis im Chaos sein" erläutert Nolan, der in den 127 Produktionstagen außer in Großbritannien in Chicago und auf Island drehte die visuelle Ausrichtung seines 135-Milli-onen-Dollar-Spektakels.

Auf Wirklichkeitsnähe setzte Nolan auch beim Design eines der wichtigsten Batman-Attribute: dem Bat-Suit. Mit dem elastischen Neopren-Anzug, der mit sieben Kilogramm deutlich leichter ist als die Vorgängermonturen, konnte sich Bale bequem 20 Meter in die Tiefe stürzen - wenn auch an Seilen gesichert. Daneben verzichtete Nolan auf das knallgelbe Fledermaus-Emblem auf der Brust des Helden. Die Zeiten als wandelnde Zielscheibe sind also vorbei.

Neben der Maskierung wurde auch das Bat-Mobil einer Generalüberholung unterzogen. Mit seinen zweieinhalb Tonnen fährt der von Produktionsdesigner Nathan Crowley und Christopher Nolan konzipierte Monster-Hybrid aus Lamborghini und Humvee satte 160 Stundenkilometer - zu schnell für den passionierten Reiter Christian Bale: „Glaubt ja nicht, dass ich damit jetzt los fahre", lacht er den Journalisten zu. „Ich setze mich meistens nur hinter das Lenkrad und mache ,brumm, brumm'." Und wie es aussieht, wird der sympathische Waliser sein neues Spielzeug auch in den beiden geplanten Fortsetzungen sicher durch die Straßen von Gotham City steuern.
Originaltitel: Batman Begins

USA 2005; 131 Min.; R: Christopher Nolan; D: Christian Bale, Michael Caine, Morgan Freeman, Liam Neeson, Ken Watanabe, Katie Holmes, Gary Olcfman, Cillian Murphy, Linus Roache Filmstart: 16. Juni 2005

NET: www.warnerbros.de/batmanbegins

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